Im Fluss

6. April 2009

Retten wir damit das gedruckte Wort?

Aktionen wie „Rettet den Bund„, Meldungen von Zeitungskonkursen in Amerika, neuartige Text-Lesegeräte wie Amazons Kindle und Sonys Reader Digital Book, die Beschuldigung an die Adresse von Google, WordPress und andere Web 2.0-Vertreter, sie machten die ganze Informations- und Unterhaltungsbranche kaputt: Ganz klar, das gedruckte Wort steckt in einer Krise.

Kürzlich betrat ich einen Laden im Berner Bahnhofkomplex, den ich am liebsten als Newsagent bezeichnen würde, aber von dem ich sicher bin, dass es ein treffendes deutsches Wort gibt. Na es war jedenfalls kein Kiosk (zu gross) und kein Bücherladen (weil die Mehrzahl der verkauften Printprodukte Aktuatlitätstitel sind).Der Laden warb in grossen Lettern auf dem Aushang mit „Print on Demand“. Da musste ich natürlich wissen, ob auch „meine“ Zeitung,  die ich damals in Sydney mit bescheidener Regelmässigkeit (aber immerhin mit Regelmässigkeit) las, der Sydney Morning Herald, hier „on Demand“ zu haben ist. Ich sah die Liste durch, und durchaus war der SMH dabei. Sehr schön! Und wieviel kostet der Spass? 6 Franken. Nun, das ist etwa viermal so viel, wie der SMH in Sydney gekostet hätte, und immer noch etwa das Doppelte einer gewöhnlichen Schweizer Zeitung.

Aber das gönnte ich mir. Ich liess mir also die Tagesaktuelle Ausgabe des Herald ausdrucken. Und zwar frühmorgens (jedenfalls noch vor 8 Uhr). Es dauerte etwa 15 Minuten. Die Titelseite kam in Farbe heraus, der Rest ist schwarz-weiss. Das format ist A3. Damit ist die Zeitung gegenüber dem Originaldruck nur wenig verkleinert. Lediglich die „classifieds“, die Kleininserate, die in Australien noch etwas kleiner gedruckt werden als in der Schweiz, sind etwas schwierig zu entziffern. Beilagen sind bei Print on Demand keine dabei. Allerdings kann man diese separat on Demand erwerben.

Die Verkäuferin informierte mich ausserdem, dass man die Zeitung vorbestellen könne, im Sinne von „jeden Mittwoch möchte ich den Herald, jeden Samstag die New York Times“. Damit würde man sich dann die Wartezeit sparen. Einem Print on Demand-Abonnement steht also nichts im Wege. Es hält einen auch nichts davon ab, einen Kurier dafür zu bezahlen, die Weltzeitung jeden Morgen noch vor 8 Uhr nach Hause zu bringen – so kann man dann weiterhin so tun, als lebte man im vorigen Jahrtausend, im Morgenrock zum Briefkasten Taumeln und eine druckfrische Zeitung an den Frühstückstisch bringen.

Und wie gestaltete sich dann das Lesen? In der Schweiz sind die Formate der seriösen Presse ja unmöglich genug, aber in Australien werden noch grössere ungeheftete Papiermonster hergestellt. In Sydney musste ich, um den Original-SMH zu lesen, jeweils mindestens drei Quadratmeter Boden im Wohnzimmer freischaufeln, um die Zeitung auszubreiten und dann davor hinzuknieen und zu lesen. Diese entwürdigende, unfreiwillige Huldigung der journalistischen Autorität ist mit dem on Demand-Produkt nicht mehr nötig. Die Verkäuferin beim Newsagent jagt einfach einen massiven Bostitch durch die frisch gedruckte Zeitung im leicht kleineren Format, und voilà: Dem Lesen in Tram und Zug steht nichts mehr im Wege.

Nun aber erst mal die grundsätzliche Frage: Wozu wollen wir eigentlich das gedruckte Wort retten? Was gibt es für Vorteile gegenüber dem Digitalen Wort? Die Vorteile der Digitalen Informationsverbreitung kennen wir Blogger ja bereits. Das fängt bei „alles ist gratis“ an, geht über „bietet viel mehr multimediale Möglichkeiten, wie Musik und Film“ und endet bei „ist immer aktuell und individuell auf meine Bedürfnisse abgestimmt“.

Die Vorteile des gedruckten Wortes sind etwas schwieriger auszumachen, sind aber vorhanden:

  1. Das gedruckte Wort hat in der flüchtigen Informationswelt eine etwas stetigere Qualität. ABER: Für Tageszeitungen ist das wohl der unwichtigste Punkt, denn per Definition sollte jede Tageszeitung am Abend im Altpapier landen, damit die nächste Ausgabe ungeteilte Aufmerksamkeit erhält. Das Argument weist also eher auf die Schwächen der Tageszeitungen hin. Es gilt jedoch durchaus für Wochenpublikationen oder Publikationen mit noch niedrigerer Erscheinungsfrequenz. Auch für Bücher. Die will man nicht unbedingt kaufen, verschlingen und wegwerfen.
  2. Das gedruckte Wort geniesst Autorität. Bezahlte Autoren mit angemessenem Bildungsstand erhalten genügend Freiraum, um die Welt objektiv zu erklären. Dieses Argument stammt zwar aus Jules Vernes nie geschriebenen Buch „Reise in die Ideale Welt“. Doch ein Körnchen Wahrheit steckt da schon drin: Wer Journalismus als Beruf betreibt und entsprechend dazu ausgebildet und mit den nötigen Ressourcen ausgestattet wird, kann vermutlich besser recherchieren und folgt einem grösseren Qualitätsbewusstsein, als Hobby-Schreiber, wie etwa Blogger. ABER: Per se ist das kein Argument für das gedruckte Wort. Es mag psychologisch aufgrund seiner „Manifestheit“ (siehe Argument 5) mehr Autorität ausstrahlen, doch dem Inhalt (und damit der Qualität) ist es egal, ob er auf Papier steht oder per Bildschirm zum Empfänger kommt. Das Argument ist also eher für bezahlten Journalismus, nicht für Tinte auf Papier.
  3. Eine gedruckte Zeitung übernimmt für den Rezipienten die Vorselektion. Es gibt soundso viele Zeitungsseiten. Was drin steht, wird als wissenswert erachtet. Wer mit der Zeitung durch ist, ist auf dem neusten Stand, und braucht nicht mehr weiter zu recherchieren. Es klingt zwar reichlich undemokratisch, aber es stimmt. Eine autoritative Zusammenstellung von Nachrichten schützt vor unverarbeitbaren Informationsbergen, denen wir uns mit RSS und dergleichen täglich aussetzen. ABER: Durch geschickte Vorselektion der RSS-Feeds kann sich jeder selber wieder vor der Überflutung schützen. Oder man abonniert eben genau eine Web-Zeitung (und vernkeift sich dann weitere Recherchen). Damit ist auch dieses Argument nicht wirklich eines für das auf Papier geschriebene Wort.
  4. Das gedruckte Wort ist ein sinnliches Erlebnis. Obschon das irgendwie ein Weirdo-Punk-Fetisch-Argument ist, insbesondere in Bezug auf biedere Tageszeitungen: Es gilt. Es ist was Anderes, auf Papier herumzublättern, als auf einem Strombetriebenen Gerät zu lesen. Mögen Kindle und das Digital Book mit E-Ink noch so augenfreundlich sein, der Tast-, Geruchs- und optische Sinn wird damit nicht auf identische Weise stimuliert wie mit Papier. Hier kein ABER.
  5. Das gedruckte Wort kann man behalten, wegwerfen oder weiter geben. Zwar kann man auch Daten speichern, löschen oder kopieren. Aber so unmittelbar wie ein Buch, das man während Jahren im Bücherregal liegen haben kann und dereinst an die Urenkel weitergibt – so manifest ist ein gespeichertes Buch nicht. Dadurch, dass beim gedruckten Wort Inhalt und Medium unzertrennlich miteinander Verbunden sind (und damit sind wir wieder beim ersten Argument), ist es etwas Bleibendes. Für Privatleute kein ABER. ABER für den Informationswert der Publikationen (Stichwort Archivierung) schon: Seit vielen Jahren schon speichern die Schweizerische Landesbibliothek und alle anderen, welche die Zeitgeschichte für die Nachwelt dokumentieren wollen, auf Mikrofilm und seit etwas weniger Jahren auf digitalen Datenträgern. Will heissen: Um wirklich etwas für die Nachwelt zu erhalten, benutzen die Profis schon lange nicht mehr Papier. Doch es bleibt dabei, der „wow, diese Fotos hatten wir all die Jahre auf dem Dachboden?“-Effekt verlangt nach etwas, das ohne Hilfsmittel gelesen werden kann, also nach Papier.

Wenn wir die obigen Gründe und die ABERs durchgehen, bleiben also genau zwei Gründe, weshalb wir das gedruckte Wort erhalten wollen sollten: Das sinnliche Erlebnis und der scheinbar bleibende Charakter.

Damit wird auch klar, weshalb Print on Demand für Tageszeitungen nicht das Zukunftsmodell sein kann. Denn um ein sinnliches Lesebedürnis zu befriedigen, reicht es, einmal die Woche eine Wochenzeitung oder ein Buch zu lesen. Da muss nicht jeden Tag ein Wald abgeholzt, in Papier umgewandelt und unter CO2-Ausstoss herumgekarrt werden. Und einen „bleibenden Charakter“ haben die News des Tages schlicht nicht verdient, es sei denn in der Form eines professionellen Archivs, das NICHT auf Papier beruht, sondern elektronisch durchsucht werden kann.

Wirklich revolutionär wäre das Print on Demand-System erst, wenn es für uns normal-User freigegeben würde und wir nach unserem Gutdünken gewisse Dinge ausdrucken könnten, ohne gleich das ganze Printprodukt zu reproduzieren. Doch dort sind wir noch nicht. Es bleibt also eine Spielerei für diejenigen, die Tagesnews nicht aus dem Netz beziehen können oder aus Fetisch-Gründen das nicht wollen. Oder die nicht fähig sind, eine News-Selektion selbständig im Internet vorzunehmen.

Oder die glauben, durch den Kauf einer Zeitung den bezahlten Journalismus vor dem Untergang bewahren zu können. Professioneller Journalismus ist übrigens ein wirklich schützenswertes Gut, doch wie der gerettet werden kann, wird das Thema eines späteren Beitrags werden. Mit dem gedruckten Wort ist er jedenfalls nicht auf Gedeih und Verderb verbunden.

NACHTRAG: Heute in der NZZ, ein Bericht über ein neues Zeitungsprojekt in San Francisco. Die Macher haben richtig erkannt, dass die Zukunft des Journalismus in der Bezahlung durch die Rezipienten (Leser) liegt. Sie liegen jedoch falsch in der Annahme, Print sei die Antwort. Der Bericht zeigt auch, wie viele Journalisten schon heute zu Bloggern „degradiert“ wurden, indem sie ihrem Beruf nur noch unbezahlt nachgehen können. Von Freiwilligenarbeit alleine hat aber noch nie jemand Leben können.

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