Im Fluss

7. April 2009

Entwicklung und Katastrophen

Filed under: Random,Uncategorized — Robinson @ 9:20 am
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Als meine heimatliche Kleinstadt Thun einmal wieder von See und Aare überflutet war, wurde von vielen Seiten her gesagt, das Ganze sei ja eigentlich gar nicht so schlimm. Immerhin schaffe der Wiederaufbau Arbeitsplätze. Solange niemand in Fluten umkommt oder schwere Verletzungen davon trägt, geht nichts Unersetzliches verloren.

Ganz ähnlich sehen die australischen Aborigines die immer wiederkehrenden, manchmal absichtlich gelegten, saisonalen Buschfeuer. Sie sagen, das Feuer sei zwar zerstörerisch gerade dann wenn’s brennt, doch danach entfalte es eine schöpferische Kraft: Alles spriesst viel grüner als zuvor, überall macht sich das Leben mit neuer Energie auf den Aschen vorherigen Lebens breit.

Und auch Katastrophen von riesigem Ausmass, etwa Kriege oder Tsunamis, Erdbeben oder Vulkanausbrüche, erhalten manchmal das Prädikat: Ist gut für die Wirtschaft. So schrieb vor einem Monat Thomas Strobl über das „Konjunkturprogramm Weltkrieg„. Ich erinnere mich auch an meinen Vater, der mir gegenüber mal die Meinung geäussert hat, die Schweiz habe eine völlig veraltete Infrastruktur, bzw. müsse sich eine moderne Infrastruktur ganz müh- und langsam zulegen, weil sie relativ unbeschadet durch den Zweiten Weltkrieg kam.

Sein Gedankengang: Die anderen Länder Europas lagen nach dem Krieg völlig zerstört am Boden. Sie mussten wieder bei Null beginnen. Dank dem Marschall-Plan hatten sie die Mittel dazu, sich alles völlig neu aufzubauen, und sie bauten es besser und moderner, als es vorher war. Die Schweiz hingegen war nicht gezwungen, alles, was sie vor dem Krieg hatte, mit etwas Neuem zu ersetzen, sondern konnte praktische alles schön weiter benutzen. Etwa das Telefonnetz, die Verkehrsinfrastruktur, die Wasserversorgung. Ohne äusseren Zwang kommt es also nicht zur Katharsis, findet keine Erneuerung statt.

Nun: Ich gehe nicht mit dieser Einschätzung einig. Es stimmt zwar schon, dass viel mehr Potential zum Aufholen da ist, wenn erst mal alles am Boden liegt. Klar verzeichnen Entwicklungsländer wie China und Indien viel grössere Wachstumsraten als Länder, die schon entwickelt sind. Wer am Fuss des Eiffelturms steht, hat mehr Aufstiegsmöglichkeiten, als wer schon fast oben ist. Doch es macht in diesem Falle ja keinen Sinn für diejenigen, die schon fast oben sind, wieder ganz nach unten springen, nur um wieder Potential zum Aufstieg zu erhalten. Denn beim Fall tut man sich verdammt weh – schlimmstenfalls so fest, dass an Aufstieg überhaupt nicht mehr zu denken ist.

Bei Kriegen ist das auf jeden Fall so. Aus der Gesamtsicht geht dabei mehr verloren als (ohnehin höchstens von einer Seite) gewonnen werden kann. Und dann müsste noch jemand erklären, wie es denn kommt, dass die Schweiz das modernste Bahnnetz und die schnellsten Internet-Verbindungen hat. Wohl nicht deshalb, weil sie zur Erneuerung gezwungen wurde. Grosse Teile Afrikas stecken schon seit Jahrzehnten in kriegerischen Auseinandersetzungen, sind Schauplatz von Gewalt und Ausbeutung. Das hat ganz klar nicht zur Entwicklung dieser Gebiete und der Erneuerung ihrer Infrastruktur beigetragen, sondern eher davon abgehalten. Afrika kriegte aufgrund seiner Katastrophen gar nie eine Chance zur Entwicklung.

Auch das mit den Buschfeuern ist so eine Sache. Sicher erneuert sich das Leben immer wieder von neuem, wenn das Land gebrannt hat. Doch mit jedem Feuer entsteht aus vormals stabil gehaltener Erde und Vegetation flüchtige Asche, die leicht von Wind und Wetter erodiert wird. Klar ist die Asche schön fruchtbar, aber wenn sie ins Meer fliesst oder fliegt, verarmt das Land an Nährstoffen. Es wird mit jedem Feuer etwas karger. Und Australien hat es eigentlich nicht nötig, noch karger zu werden. Anderseits ist es bereits so karg, dass Feuer ohnehin heute unvermeidlich sind.

Mit Katastrophen müssen wir leben, klar. Es gibt nie eine absolute Sicherheit davor. Ein vernünftiger Weg, damit umzugehen, ist der Abschluss einer Versicherung. Wenn dann die Natur einmal zuschlägt, trifft es die Individuen hoffentlich nicht ganz so stark, dafür trägt die Gesellschaft die Kosten für den Wiederaufbau, der ja dann wirklich vorübergehend Arbeitsplätze schafft und die Infrastruktur erneuert. Doch ein Grund, sich die Katastrophen herbeizusehnen, ist das nicht. Brauchen tun wir sie nicht. Anstelle höherer Versicherungsprämien könnte ich mir sehr viele interessantere Varianten zum Geldausgeben vorstellen.

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